Bilderbücher für Swasiland: Im Gespräch mit Kirsten Boie

Die Schriftstellerin Kirsten Boie setzt sich seit vielen Jahren aktiv für die Leseförderung ein. Beim „Treffpunkt Hannover“, der Tagung internationaler Kinder- und Jugendbuchautoren des Friedrich-Bödecker-Kreises vom 2. bis 4. September 2016, berichtete sie über Pläne und Herausforderungen bei der Umsetzung eines Leseförderprojekts in Swasiland. Wir haben mit Kirsten Boie im Rahmen der Tagung über ihr Engagement als Leseförderin gesprochen.

Katharina Graef (ALF): Welche Rolle spielt der Friedrich-Bödecker-Kreis für Sie?

Kirsten Boie: Die Kinder, die es am dringendsten brauchen, kommen mit Büchern und Lesen nicht über das Elternhaus, sondern über die Schule in Berührung. In diesem Zusammenhang ist die Arbeit des Bödecker-Kreises unheimlich wichtig, da er sich darum kümmert, dass Autoren in die Schulen kommen. Ein Autorenbesuch kann eine enorme Wirkung haben: Nicht nur in Bezug auf die Lesemotivation, sondern weil es das Selbstbewusstsein der Kinder gegenüber Texten verändern kann, wenn sie zum Beispiel eine Frage stellen, die dann beantwortet wird. Dass die Vermittlung von Lesungen auch für viele Autoren eine Hilfe ist, weil Kinderbuchautoren ja in den wenigsten Fällen vom Schreiben leben können, ist ein zweiter wichtiger Aspekt.

In diesem Jahr hieß das Motto des „Treffpunkt Hannover“ „Kulturen begegnen sich“, was auf ein Thema aufmerksam macht, das auch in der Leseförderung momentan von zentraler Bedeutung ist. Sehen Sie den „Treffpunkt“ als Inspiration, sich mit solchen Themen neu auseinanderzusetzen?

Ja, ich denke, diese Treffen in Hannover haben immer eine Doppelfunktion: inhaltlich über die Vorträge Neues zu erfahren und dadurch auch immer Anregungen zu erhalten. Ein zweiter wichtiger Punkt ist die Möglichkeit, sich mit anderen Autorinnen und Autoren auszutauschen. Autor-Sein ist ja normalerweise ein einsamer Beruf.

Sie engagieren sich seit vielen Jahren für AIDS-Waisen in Swasiland im Süden von Afrika. Jetzt ist das Leseförderprojekt „BookCrazy“ dazu gekommen, das Sie beim „Treffpunkt“ vorgestellt haben. Worum geht es bei dem Projekt?

In Swasiland gibt es in der Landessprache siSwati kein einziges Kinder-, Jugend- oder Bilderbuch. Das möchte ich mit der Möwenweg-Stiftung ändern. Wir arbeiten mit Kinderbetreuungspunkten zusammen, die sich mitunter um 4.000 Kinder kümmern. Ein guter Ort, um die Kinder auch tatsächlich zu erreichen. Wir haben bereits zwei kleine Bilderbuch-Anthologien in siSwati für die Betreuungspunkte gedruckt und diese den ehrenamtlichen Betreuerinnen vorgestellt. Langfristig hoffen wir, jedem Kind zur Einschulung ein eigenes Buch schenken zu können. Für Kinder, die kein Spielzeug und keine elektronischen Medien besitzen, ist ein Buch ein großer Reichtum.

In Ihrem Vortrag haben Sie berichtet, dass es in Swasiland keine Tradition des Freizeitlesens gibt. Wie vermitteln Sie Ihr Projekt an die Partner vor Ort wie zum Beispiel die Mitarbeiterinnen an den Betreuungspunkten?

Als Europäerin möchte ich nicht den Eindruck entstehen lassen, ich wolle den Menschen vor Ort etwas ‚aufpropfen‘. Daher haben wir die Einführung der Bilderbücher in eine Fortbildung zu frühkindlicher Entwicklung integriert, die von einer Pädagogin des Bildungsministeriums Swasiland gegeben wurde. Auf diese Weise gibt es eine ganz andere Offenheit demgegenüber.

Haben Sie darüber hinaus Pläne für die Leseförderung vor Ort in Swasiland?

Ich bin im Gespräch mit einer Bibliothekarin und einem Journalisten in Swasiland, um das, was die Organisation Nal‘ibali in Südafrika macht, nämlich alle 14 Tage oder auch einmal im Monat in der Wochenendausgabe der Tageszeitung eine Kindergeschichte in zwei Sprachen zu veröffentlichen, auch in Swasiland einzuführen. Das wäre für mich ein ganz wichtiger Schritt, weil ich aus Südafrika weiß, dass die Geschichten von den Kindern verschlungen werden. Aber da setze ich mehr auf die beiden involvierten Swasis als auf mich selbst.

Die Themen Kultur und Begegnung und Afrika treffen insbesondere in „Thabo – Detektiv und Gentleman“, Ihrer neuen Krimireihe für Kinder, aufeinander. Ist es Ihnen ein Anliegen, europäische Kinder und Jugendliche auf diese Weise mit den afrikanischen Kulturen vertraut zu machen?

Ich habe vorher ein Buch geschrieben, das „Es gibt Dinge, die kann man nicht erzählen“ heißt und sehr ernste authentische Geschichten aus Swasiland erzählt. Die Lesungen dazu waren großartige Erfahrungen für mich, denn selbst Jugendliche, von denen man vielleicht nicht erwarten würden, dass sie lesebegeistert sind, haben intensiv nachgefragt und sich auf die Texte eingelassen. Ich habe aber auch gemerkt, dass diese Art von Geschichten dazu führt, dass diese Jugendlichen in ihrer einseitigen Vorstellung von Afrika bestärkt werden. Deshalb dachte ich, dass man unseren Kindern etwas anbieten müsste, was eine andere Seite von Afrika vorstellt – eine spannende und lustige. Wenn man erreichen kann, dass diese Kulturen als gleichwertig, gleichberechtigt und vielleicht sogar ab und zu schlauer wahrgenommen werden, dann wäre das ein Gegensteuern gegen dieses einseitige Bild von Afrika als Ort des Leidens und der Inkompetenz. Es ist eine Katastrophe, wenn es immer nur eine einzige Geschichte über den großen Kontinent Afrika gibt. Es stimmt: Es gibt viel Schreckliches in Afrika, aber es ist nicht nur schrecklich. Und Thabo versucht, diese andere Geschichte zumindest ein bisschen zu erzählen.

Für alle, die sich eingehender mit der Thematik der ‚einen Geschichte‘ über Afrika beschäftigen möchten, empfiehlt Kirsten Boie den Vortrag „The Danger of the Single Story“ der nigerianischen Autorin Chimamanda Ngozi Adichie, der hier mit deutschen Untertiteln anzusehen ist.

Fotos Swasiland: Kirsten Boie
Foto Vortrag: Friedrich-Bödecker-Kreis e.V.
Cover Thabo: Oetinger Verlag
 

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