Im Gespräch mit Maria Rauschenberger

Maria Rauschenberger wurde 2017 für ihr Promotionsprojekt „Spielerische Erkennung der Lese-/Rechtschreibstörung“ (ein Diagnosespiel) mit dem Deutschen Lesepreis in der Kategorie „Ideen für morgen“ ausgezeichnet. Um eine ausreichend große Datenmenge für das Spiel zu erhalten, werden noch Probandinnen und Probanden zwischen acht und zwölf Jahren mit und ohne besondere Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben gesucht. Eine anonyme Teilnahme an der Studie ist bequem von Zuhause möglich.

Frau Rauschenberger, Sie erforschen, ob bereits vor dem Eintritt in die Schule die Möglichkeit erkannt werden kann, dass Kinder Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten (LRS) entwickeln. Wie kann man das feststellen, bevor das Kind überhaupt Lesen und Schreiben lernt?

Wir suchen Indikatoren, die in Zusammenhang mit Lese- und Schreibkompetenzen stehen, die aber nicht direkt an das Lesen und Schreiben gebunden sind. Es wird davon ausgegangen, dass die Auswirkungen beim Lesen und Schreiben ebenfalls in anderen Bereichen auftreten. Forschungen zur Wahrnehmung von visuellen und auditiven Elementen legen nahe, dass Personen mit LRS Schwierigkeiten dabei haben, Buchstaben und Laute untereinander zu unterscheiden. Bestimmte Wörter, Buchstaben und Phoneme (Laute) bereiten dabei besondere Schwierigkeiten.

Gibt es Indikatoren aus dem Alltag, die für eine mögliche LRS sprechen können, noch bevor ein Kind Lesen und Schreiben lernt?

Dies ist kaum möglich. Das Kind hat eine altersgemäße Entwicklung vom Kleinkind bis zur Einschulung und zeigt erst extreme Schwierigkeiten beim Erlernen des Lesens und Schreibens. Einige Ansätze gehen davon aus, dass ein Kind mit LRS Probleme dabei haben könnte, einen bestimmten Rhythmus nachzuklatschen, aber belastbare Forschungsergebnisse gibt es dazu bislang nicht.

Warum forschen Sie gerade zur frühzeitigen, spielerischen Erkennung von LRS?

Damit ein Kind mehr Zeit zum Erlernen des Lesens und Schreibens bekommt. Vergleichsstudien zeigen, dass ein Kind mit einer LRS rund zwei Jahre länger für die Kompensation braucht. Natürlich ist das abhängig vom Grad der LRS und der Förderung. Je später festgestellt wird, dass ein Kind im Bereich Lesen und Rechtschreibung besondere Schwierigkeiten hat, desto schwerer wird es, die verpassten Inhalte und Erfahrungen aufzuholen.
Bisher kommt es aufgrund der späten Diagnose häufig zu Vorverurteilungen im Alltag. Ein Kind kommt in die Schule, zeigte vorher keine Anzeichen einer Einschränkungen in seiner Entwicklung und der Verarbeitung von Informationen. Das Kind spielt und verhält sich altersgemäß. In der Schule versteht es auch alles und kann Inhalte wiedergeben, nur beim Lesenlernen, dem Erkennen von Buchstaben und dem Aufschreiben von Inhalten gibt es Probleme. In unserem Schulsystem läuft die Wissensvermittlung über Schriftsprache. Die Benotung ist in fast allen Fächern abhängig davon, ob ein Kind gut lesen oder schreiben kann. Daher geht man häufig zunächst davon aus, dass Kinder, die nicht gut lesen und schreiben können, eine verminderte Intelligenzleistung zeigen oder dass sie unaufmerksam sind. Dem ist aber nicht immer so. Je früher man von der Wahrscheinlichkeit weiß, dass ein Kind Schwierigkeiten beim Lesen und in der Rechtschreibung entwickeln könnte, desto früher können Maßnahmen ansetzen. Ebenso werden Eltern und Lehrkräfte für das Thema sensibilisiert und Schuldzuweisungen werden vermieden.
Es gibt bereits Trainings, die versuchen mit akustischen Elementen und/oder Musik die auditive Wahrnehmung der Kinder zu schärfen.

Welche Rolle spielen akustische und visuelle Elemente in Ihrem Diagnosespiel?

Die sind von großer Bedeutung. Wir versuchen möglichst nah an der natürlichen Sprache zu bleiben. Visuelle und akustische Elemente sind sprachlichen Details ähnlich. Wir haben sie daher anstelle sprachlicher Elemente in ein Spiel eingebaut. Die Idee dahinter ist, dass vom Spielverlauf eine Wahrscheinlichkeit abgeleitet werden kann, zu der das spielende Kind besondere Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben haben wird. Im Moment dauert das Spiel zehn Minuten, vielleicht lässt sich die Spielzeit künftig auch verringern. Die Eignung des Spiels müssen wir natürlich langfristig untersuchen.

Worin unterscheiden sich die Wahrnehmungen von Kindern mit und ohne LRS? Und gilt das für alle Kinder mit LRS?

LRS lässt sich nicht in der normalen zwischenmenschlichen Interaktion feststellen. Es liegt beispielsweise keine Intelligenzminderung vor. Es gibt Kataloge, die LRS als Lernstörung beschreiben. Die Fähigkeiten im Bereich Lesen und Rechtschreibung werden im Verhältnis zum Alter betrachtet. Es gibt unterschiedliche Ausprägungen, beispielsweise können isolierte Schwierigkeiten im Lesen oder in der Rechtschreibung auftreten. Das Spektrum ist da sehr breit gefächert und dementsprechend unterschiedlich machen sich die Schwierigkeiten bemerkbar.
Ebenfalls können Ursachen unterschiedlich sein: Sie könnten in der Genetik liegen oder vielleicht in einer fehlenden Asymmetrie der Augen, durch die Buchstaben gespiegelt werden. Fehleranalysen belegen, dass Buchstabenpaare wie „d-b“ und „q-p“ besonders verwechslungsanfällig sind. Auch phonetische Ähnlichkeiten wie die Aussprache der Phoneme zu „d“ und „t“ in der deutschen Sprache machen Sprachelemente für Menschen mit LRS schwieriger unterscheidbar.

In der zweiten Klassen wurde Ihre LRS erkannt. Würden Sie sagen, dass Sie die Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben überwunden haben?

Eine Leserechtschreibstörung verschwindet nie vollständig. Ich habe Kompensationsstrategien entwickelt. Ich lese heute sehr gerne und schnell. Aus meiner Sicht liegt es daran, dass mir Geschichten schon immer gefallen haben. Das hat mich zum Lesen motiviert und so habe ich es vermehrt und gerne geübt.
Beim Schreiben nutze ich Hilfsmittel wie Schreibprogramme, in die ich längere Texte hineinkopiere. Besonders, wenn ich mir Zeit lassen kann, finde ich viele Fehler durch die Übung der letzten Jahre und das angeeignete Wissen über die deutsche Sprache. Lesen und Schreiben sind wichtige Werkzeuge, um sich Wissen anzueignen. Diese Fähigkeiten sind heute unabdingbar.
Mir ist es außerdem durch regelmäßiges Training gelungen, mein Englisch auf Muttersprachler-Niveau zu heben. Mehrsprachigkeit wie beispielsweise im aktuellen Forschungsprojekt in deutscher, englischer und spanischer Sprache ist nochmal eine zusätzliche Herausforderung.

Welche besonderen Schwierigkeiten hatten Sie in der Schule durch die LRS?

Die Grundschule war schwierig. Ich wurde schon mit fünf Jahren eingeschult und war sehr motiviert, hatte aber kein Verständnis für Buchstaben. Erklärungen wie „Das schreibt man so, wie man es spricht“ haben mir nicht geholfen. In der ersten Klasse bin ich daher kaum mitgekommen, das wurde aber in erster Linie durch die frühe Einschulung erklärt. Meine Mutter hat das gewundert, denn vom Spielen und der Interaktion zu Hause her war mein Verhalten altersgerecht. Sie hat sich auf die Suche nach Erklärungen gemacht. Durch die frühe Diagnose habe ich recht früh Lernstrategien kennengelernt und ein phonologisches Bewusstsein entwickelt.
In unserer Umgebung gab es eine Lehrerin, die viel Vorlesen und das Animieren zum Selbstlesen empfohlen hat. Ich durfte mir als Kind beim Einkaufen beispielsweise immer einen Comic aussuchen. So konnte ich mich langsam ans Lesen herantasten. Außerdem war ich für ein paar Monate in einer Leseklasse, in der die Sprachstruktur nochmal genauer besprochen wurde. Neben der Schule wurde ich dann für ein paar Jahre individuell gefördert. Dort wurde speziell auf meine individuellen Schwierigkeiten und meine Stärken eingegangen. Die außergewöhnliche Vorgehensweise, meine Stärken mit der Sprache zu verknüpfen sowie einer Motivation fürs Lesen, waren für mich der Schlüssel zum Erlernen des Schreibens und Lesens. In der weiterführenden Schule wurde es einfacher, weil zusätzliche Qualifikationen gefragt waren und meine Fähigkeiten im Schreiben und Lesen ausreichend waren. Danach waren Schreiben und Lesen Werkzeuge, die ich brauchte, um zum Beispiel Song-Texte zu lesen und danach zu singen, Comics zu lesen oder eine Postkarte an Familienmitglieder zu schicken. 
Ich rate jedem, sich so viel Hilfe wie möglich zu holen. Gleichzeitig möchte ich empfehlen, es nicht zu übertreiben und die Stärken und Interessen des Kindes in den Vordergrund zu stellen. Comics oder Themen wie Lieblingssportarten können beispielsweise zum Lesen animieren. Ich wünsche mir, dass sich unser Schulsystem noch weiter für die verschiedenen Kompetenzen öffnet, die es gibt. Schon heute gibt es viele Forscherinnen und Forscher, die eine LRS haben und fachwissenschaftlich hervorragende Arbeit leisten. Heterogene Gruppen machen uns produktiver!

Liebe Frau Rauschenberger, vielen Dank für das Gespräch.

 

Die Fragen stellte Sabine Hürthe.
Fotos: Maria Rauschenberger

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