Leibniz oder die beste der möglichen Welten

Wer glaubt, dass die anspruchsvolle Metaphysik von Gottfried Wilhelm Leibniz für ein Kinderbuch zu komplex wäre, der wird durch die Lektüre dieses ausgezeichnet bebilderten Büchleins eines Besseren belehrt. Auf vergnügliche Weise wird die fiktive Geschichte des kleinen Theodor erzählt, der Leibniz in Wien 1714 am Abend besucht und eine Gratislektion des großen Denkers in Grundsatzfragen zum Lauf der Geschichte, zum Ursprung des Bösen und Vorauswissen Gottes, zu Gnade und Freiheit erhält. Dabei verwickelt der universalgelehrte Philosoph den aufgeweckten Jungen in eine mehrfach verschachtelte Traumgeschichte, in der die berühmte Schlusssequenz aus Leibniz’ berühmter Theodizee-Schrift von 1710 wieder aufgenommen und verarbeitet wird. Der kleine Theodor soll sich dabei mit dem Theodorus identifizieren, dem Orakelpriester von Dodona.

Der träumende Theodorus wird von Pallas Athene in den Palais de destinées geführt, dessen Wächterin sie ist. Dort erblickt er das Arsenal der möglichen Welten. Hierher war der Weltenschöpfer gekommen, um sich für eine der Welten als die wirkliche zu entscheiden. Und hierin kehrt der Schöpfer von Zeit zu Zeit zurück, um seine Entscheidung zu überprüfen.[1] Im Tempel der Göttin sind die nicht gewählten Welten nicht verschwunden, vielmehr werden sie hier aufbewahrt und präsent gehalten. Theodorus erblickt im Tempel unzählige Gemächer, in denen immer jeweils ein großes Buch der Schicksale liegt, in der die jeweilige Geschichte der Welt geschrieben steht. Theodorus legt seinen Finger auf eine Zeile und bekommt dann zu jeder Geschichte, die hier allgemein geschrieben steht, auch alle Einzelheiten und Details geliefert.

Am Beispiel des Sextus Tarquinius wird erklärt, warum dieser Rom mit Gewalt gegründet und Lucretia geschändet habe und wir uns trotzdem keinen anderen Sextus in der besten aller möglichen Welt vorstellen können. Der Kinderbucherzähler Morgin lässt Theodor protestieren: „Aber das mit Sextus Tarquinius, das ist ungerecht! Denn in Wirklichkeit hat Gott ihn als Verbrecher geschaffen und hat ihm eben nicht das beste Schicksal reserviert!“ (S. 55). Das ist natürlich eine dankbare Steilvorlage für Leibniz, der milde lächelnd die uns heute vertrauten Argumente seiner harmonisierenden Weltmetaphysik erneut hervorbringt: man könne die Welt nicht an einer einzelnen Sache messen, das Gute trete erst aus den Mängeln hervor, ohne die Freiheit, ein Verbrechen ausüben zu können, wäre die Welt nicht vollkommen...

Nun lächelt auch der kleine schläfrig gewordene Theodor wieder. Doch versäumt es der Kinderbuchautor anzudeuten, dass die metaphysischen Gutenachtgeschichten längst schon nicht mehr verfangen, zumindest bei denjenigen nicht, die ihren Sprösslingen dieses Buch vorlesen. Kann es wirklich sein, dass die bestmögliche Welt nur mit Übeln, Mängeln und Grausamkeiten denkbar ist? Wie passen Zufall und Vorsehung zusammen? Wie ist es möglich, dass Gott alle vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Schlechtigkeiten kennt und doch nur allein der Mensch für sie verantwortlich ist? Kann man einen solchen Gott, der gezwungen ist, dies alles zuzulassen, noch als gütig und gerecht bezeichnen? Wenn einem als erwachsener Leser diese Gedanken (mit Bezug auf Leibniz wieder einmal) in den Sinn kommen, dann fragt man sich zugleich, ab wann eigentlich Kinder und Jugendliche beginnen, sich solche Fragen zu stellen. Und an diesem Punkt scheinen auch die Grenzen zwischen Kindsein und Erwachsensein zu verschwimmen, wenn uns hier als (vermeintlich) Erwachsene die eigenen philosophischen Fragen in Gestalt eines Kinderbuches entgegentreten.

Jean Paul Mongin (Autor) und Julia Wauters (Illustratorin): Leibniz oder die beste der möglichen Welten. Aus dem Französischen von Heinz Jatho. Zürich: Diaphanes, 2015. Ab 10 Jahren.

Das Buch ist in der Kategorie Sachbuch für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2016 nominiertIm Rahmen des Praxisseminars „Preisverdächtig" am 8. Juni 2016 in Hannover werden Praxiskonzepte zum Einsatz dieses Buches im Unterricht vorgestellt.

Diese Rezension ist ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Michael Kempe, Leiter der Leibniz-Forschungsstelle der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen beim Leibniz-Archiv der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek.

[1] Leibniz, Gottfried Wilhelm: Die Theodizee von der Güte Gottes, der Freiheit des Menschen und dem Ursprung des Übels (1710). Hrsg. u. übers. v. Herbert Herring. 2 Bde. Frankfurt/M. 1996, Bd. 2, §§ 405–417, S. 247–269, insb. § 414, S. 260–261.

Cover: diaphanes

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