Die wollen doch nur lesen: Hunde in der Leseförderung

Die Tür geht auf und Ina betritt den Raum, in der Hand ein Buch über Wale. Sie begrüßt Hêvî und reicht ihr ein kleines Stück saftige Birne. Während Hêvî noch auf einen Nachschlag wartet, setzt sich Ina auf die mintgrüne Kuscheldecke neben sie, tätschelt sie kurz und schlägt ihr Buch auf. Sie fängt an, Hêvî stockend aus dem Buch vorzulesen. Seufzend streckt sich die alte Hundedame und macht es sich gemütlich. Schon nach kurzer Zeit fallen ihr die Augen zu.

Hunde in der Leseförderung – Ursprünge in den USA

So oder so ähnlich kann ein Leseszenario in der tiergestützten Leseförderung aussehen. Die Idee, Hunde in der Leseförderung einzusetzen, ist keine Nische für hundeverrückte Pädagoginnen und Pädagogen, um noch mehr Zeit mit ihren tierischen Lieblingen verbringen zu können. Erste Programme zum Einsatz von Hunden in der Leseförderung entstanden schon um die Jahrtausendwende in den USA. Dort sind sogenannte canine-assisted reading programs sehr erfolgreich und erfreuen sich großer Beliebtheit. Grundlegende Idee ist, dass Kinder und Jugendliche einem Hund einen Text vorlesen. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Kinder und Jugendlichen gut oder schlecht lesen können. Im Idealfall haben sie während des Vorlesens Körperkontakt mit dem Hund, unabdingbare Voraussetzung ist das allerdings nicht. Dies alles erfahre ich in dem Weiterbildungsmodul Leselernhunde-Team in Vienenburg (Goslar). „In den USA sitzen Klientin oder Klient und Hund immer gemeinsam auf einer Decke auf dem Boden,“ erklärt Sebastian Cramer von Helfende Tiere, der die Weiterbildung leitet. „Denkbar sind aber auch andere räumliche Anordnungen, insbesondere wenn die Klientin oder der Klient unsicher im Umgang mit Hunden ist oder keinen Körperkontakt will.“

Der Hund als geduldiger Zuhörer

Aber warum sollen Hunde ausgerechnet in der Leseförderung eingesetzt werden? Studien weisen immer wieder nach, dass sich der Umgang mit einem ruhigen, freundlichen Hund positiv auf den Menschen auswirkt. Insbesondere, wenn wir einen Hund streicheln, sinken Herzfrequenz und Blutdruck. Außerdem produziert der Körper weniger Stresshormone. Ein Blick in die Runde bestätigt dies: Zehn Teilnehmerinnen sitzen tiefenentspannt neben ihren Hunden, kraulen sie und folgen den Ausführungen des Kursleiters. Skeptikerinnen und Skeptiker werden die positiven Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit jedoch allenfalls als Grund für die Anschaffung eines Hundes als Haustier akzeptieren. Aber als Unterstützung für schwache Leserinnen und Leser? „Der Hund beurteilt die Lesefertigkeiten der Klientin bzw. des Klienten nicht“, fährt Cramer fort. Was banal klingt, ist das Kernargument für den Einsatz von Hunden. Gerade schwache Leserinnen und Leser verbinden mit dem (halb-)lauten Lesen Stress und negative Erlebnisse. Ungeduldige Zuhörerinnen und Zuhörer und der defizitäre Blick auf die Lesekompetenz sind so motivierend fürs Lesen wie heftiger Schneeregen für einen netten Spaziergang. Wer am eigenen Leib erfahren will, wie sich schwache Leserinnen und Leser in Vorlesesituationen fühlen, lese jemandem einen spiegelverkehrten Text vor, ohne ihn vorher zu üben. Einen Hund hingegen interessiert es nicht, ob ein Mensch sich mühsam durch einen Text stottert. Er kritisiert und korrigiert nicht, stattdessen hört er geduldig zu und schläft früher oder später ein. Auch die Anleiterin bzw. der Anleiter soll in dieser Situation keine Korrekturen vornehmen. „Heftige Lesefehler sollten indirekt verbessert werden. Wiederholt das falsch gelesene Wort dann einfach später im Gespräch über den Text, ohne explizit auf den Lesefehler hinzuweisen“, rät Cramer, der auf vielfältige Erfahrungen im Bereich der tiergestützten Pädagogik zurückgreifen kann. Schwache Leserinnen und Leser erfahren in solchen Situationen kleine Erfolge beim (Vor-)Lesen – manche zum ersten Mal in ihrem Leben – und bauen dadurch bestehende Hemmungen und Ängste ab. Eben das ist primäres Ziel der tiergestützten Leseprogramme: Ein Fundament für ein positives Selbstkonzept als Leserin bzw. Leser wird gelegt. Wenn Lesen mit positiven Erfahrungen verknüpft wird, steigt die Motivation, zum Buch zu greifen und loszulesen. Das wiederrum sorgt für eine stetige Verbesserung der Lesefertigkeiten.

Input und Hausaufgaben

Im weiteren Verlauf des ersten Tages der Weiterbildung erfolgt vor allem theoretischer Input: rechtliche Grundlagen, Richtlinien und Hygienevorschriften sind ebenso Thema wie Fachliteratur, Material für die Leseförderung und Aufbau und Organisation von tiergestützter Leseförderung. Auch ein reger Erfahrungsaustausch findet statt, denn die Mehrzahl der Teilnehmerinnen arbeitet bereits mit ihren dafür ausgebildeten Schulhunden in den unterschiedlichsten Bildungseinrichtungen. Abschließend stellt Cramer noch eine kleine Hausaufgabe für den zweiten Kurstag: Jede soll ein Leseszenario mit fiktiven Klienten entwerfen und am nächsten Tag durchspielen.

Bühne frei: Anleiterinnen, Lesehunde und (fiktive) Klienten in Aktion

„Was macht dein Hund da?“, fragt Sabine und schaut über den Tisch. „Können wir mit dem jetzt spielen?“ – Die Teilnehmerinnen versuchen möglichst vorgabengetreu die potentiellen Klienten darzustellen. Manch eine beweist dabei schauspielerisches Talent. Die Rolle der Anleiterin ist da schon stressbesetzter: „Wie wollte ich das noch mal mit dem Aussuchen des Buchs machen? Mist, jetzt habe ich vergessen, dass das Kind den Hund ja begrüßen soll. Hoffentlich bleibt der Miniwolf ruhig.“ Es sind doch recht viele Komponenten, die eine Anleiterin bzw. ein Anleiter in einem Leseszenario berücksichtigen und bedenken muss. Erleichterung, manchmal jedoch auch Erstaunen, macht sich breit, als die zehn Minuten um sind und die Reflexions- und Auswertungsphase beginnt. Spannend sind an dem Praxistag nicht nur die vielen kreativen Methoden, Ideen und Tipps, sondern auch die unterschiedlichen Erkenntnisse über die Rollen als Anleiterin und als Klientin.

Hunde begleiten ihre Besitzerinnen und Besitzer in fast allen Situationen, aber die wenigsten haben ihren Hunden schon einmal vorgelesen. Beinahe unisono wird die Erfahrung als angenehm und entspannt beschrieben. Selbst wenn eine Teilnehmerin Zweifel an Lesehund-Programmen gehabt hätte, wären die am Ende des zweiten Kurstags restlos ausgeräumt. Ein Lesehund-Programm ist sicherlich nicht das Allerheilmittel gegen jegliches Übel im Universum des Buchstabensalats, aber sicherlich eine effektive Möglichkeit, um schwache Leserinnen und Leser ein Stück auf dem Weg zum Lesegenuss zu begleiten.

Im zweiten Halbjahr 2020 plant die Akademie für Leseförderung einen Vortrag über Hunde in der Leseförderung.

Eine Übersicht über die Seminare von "Helfende Tiere" finden Sie hier. Eine Anmeldung ist direkt über die Website möglich.

Hier finden Sie einen Artikel über das Projekt "Kinder lesen Katzen vor" des Tierschutzvereins Giffhorn.

© Fotos: Katja Bauer, Akademie für Leseförderung Niedersachsen

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