Im Gespräch mit Nina Weger und Julia Kronberg

Nina Weger, Kinderbuchautorin aus Hannover, ist ehrenamtliche Vorsitzende des Fördervereins Kinderzirkus Giovanni e. V. und träumt schon lange von einem Kinderliteraturfestival für Hannover. Gemeinsam mit der Kulturwissenschaftlerin Julia Kronberg arbeitet sie zurzeit mit Hochdruck an der Erstausgabe des Festivals.

Vom 14. bis 18. Mai 2018 findet in Hannover das Kinderliteraturfestival „Salto Wortale − Kinderliteraturfestival im Zirkuszelt“ statt. Was ist das Besondere an diesem Festival?

Nina Weger: Ich bin als Autorin im ganzen deutschsprachigen Raum unterwegs, mit jährlich etwa 120 Lesungen. In den letzten Jahren musste ich beobachten, wie die Schere zwischen guten Lesern und Viertklässlern, die immer noch Buchstabe für Buchstabe ein Wort entziffern, auseinander ging. Kinder, denen nie vorgelesen wurde (ob in Schule oder zuhause) oder die nie erlebt haben, welch ein Glück das Lesen eines guten Buches ist, sind irgendwann für die Literatur, das Lesen überhaupt verloren. Mit Salto Wortale möchten wir erreichen, dass diese Kinder eben jenes Aha-Gefühl erleben: Weil ich lese, wird meine Welt reicher, größer. Mit dem Konzept der unterschiedlichen Workshops wollen wir den Kindern ihren eigenen, individuellen Zugang zu den gehörten oder gelesenen Themen ermöglichen. Wir hoffen, dass sie an diesem Mittag das Zelt verlassen und erfahren haben: Weil ich diese Geschichte gehört habe, ist meine Welt gewachsen. Und: Ich kann das Gelesene oder Gehörte mit in meine Welt hinübernehmen. Dieser Ansatz ist neu und ich habe versucht, all mein Wissen und die Erfahrungen aus Lesereisen und Literaturfestivals einzubringen. Ob der Plan aufgeht, werden wir sehen. Auf jeden Fall wird es ein wunderbares, spannendes Experiment!

Um welche Kinderbücher wird es bei „Salto Wortale“ gehen und warum haben Sie gerade diese ausgewählt?

Julia Kronberg: Wer gerne liest, weiß, dass wir mit einem Buch nur dann richtig mitgehen und neugierig werden, wenn es unsere Interessen, Erfahrungen oder Wahrnehmungen berührt, also etwas in uns anspricht. Wir haben für die erste Ausgabe deshalb Geschichten ausgewählt, mit denen alle Kinder etwas anfangen können, weil es jede Menge Bezugspunkte zu ihrem eigenen Leben gibt: „Ein Krokodil taucht“ ab von Nina Weger macht Familie, Freundschaft und die Frage nach dem Zusammenhalt zum Thema, „Angstmän“ von Hartmut El Kurdi erzählt von Angsthasen, Mobbing und Superhelden und in „Anton hat Zeit“ von Meike Haberstock dreht sich alles um die Bedeutung der Zeit und die Frage, warum Erwachsene nie genug und Kinder sehr viel davon haben. All diese Themen lassen sich zudem aus vielen verschiedenen Perspektiven betrachten. Das ist uns sehr wichtig, weil wir ja eine Brücke schlagen wollen von der Literatur zu den Welten von Fotografie, Musik, Kunst, Sport und Tanz über Medizin, Biologie und Naturwissenschaft bis zu Archäologie, Politik, Recht und Geschichte. Jedes Kind soll die Chance haben, einen Zugang zu den Lesestoffen zu finden, der seinen Interessen oder Begabungen entspricht.

Wie ist es, ein Festival mit so unterschiedlichen Partnern zu organisieren?

Julia Kronberg: Inhaltlich spannend, organisatorisch komplex – so könnte man es auf den Punkt bringen. Wir sind mit unserer Idee aber sofort überall auf offene Ohren gestoßen und haben neben der Stadt Hannover und dem Friedrich-Bödecker-Kreis auch viele Förderer von dem Konzept überzeugen können. Wir möchten ein neues Angebot der Literaturvermittlung schaffen, das inhaltlich ambitioniert ist, aber auch Spaß machen darf – es kann also durchaus abenteuerlich, lustig oder schräg werden. Salto Wortale ist interdisziplinär angelegt und deshalb auch ein wunderbares Netzwerkprojekt. Viele hannöversche Einrichtungen unterstützen uns dabei mit tollen Workshop-Angeboten, darunter Museen, Hannover 96, die Herrenhäuser Gärten, die Stadtbibliothek, das Staatstheater Hannover, die Medizinische Hochschule Hannover, das Haus der Jugend und das Schulbiologiezentrum. Und es sind auch viele Einzelpersonen dabei – vom internationalen Krokodilexperten bis zur Konsumkünstlerin. So viele Themen und Mitwirkende unter einen Hut zu bringen ist natürlich schon eine Herausforderung …

Bekommen Sie manchmal Rückmeldungen von Leserinnen und Lesern ihrer Bücher, die Zugänge zu Ihren Geschichten gefunden haben, an die Sie selbst nie gedacht hätten?

Nina Weger: Oh, ja. Ich bekomme Post, Mails und manchmal ergeben sich während der Lesungen sehr intensive Gespräche. Es kommen aber auch Rückmeldungen von Lehrern, Bibliothekaren oder Eltern. Zum Beispiel habe ich mehrere Rückmeldungen zu der Figur Polly aus der “sagenhaften Saubande“ bekommen. Polly hat ein Hinkebein, wie sie selbst sagt. Polly wird aber nicht über ihre Beeinträchtigung definiert, sondern über ihren Mut, ihre große Klappe, über ihre Direktheit. Ihr Hinkebein wird nicht als Problem behandelt. Offensichtlich hat Polly Kindern, die so oder auf ähnliche Weise körperlich beeinträchtigt sind, Mut gemacht. Auch Tom aus “Trick 347 – oder der mutigste Junge der Welt“, hat zu offenen, manchmal erschütternden Gesprächen während einer Lesung geführt. Da offenbaren Kinder plötzlich, dass sie gerade erst erfahren haben, dass der, den sie immer für ihren Vater hielten, nicht ihr Vater ist. Oder es fallen plötzlich Sätze wie ‚ich hasse meinen Vater’. Sie hatten den Mut offen über Verletzungen und Erfahrungen zu sprechen. Man muss dann nur sehr gut aufpassen, dass diese Gespräche nicht einfach im Raum stehen bleiben. In der Regel bin ich aber auf tolle Lehrer gestoßen, die das aufgefangen und sich weiter gekümmert haben. Manchmal schreiben Kinder aber auch einfach nur, dass sie eine Figur toll finden und sich neue Abenteuer wünschen.
Neben einer spannenden Geschichte (um ein existenzielles Problem), möchte ich meinen Lesern vor allen Dingen zeigen, dass sie mit ihren Problemen nicht allein auf der Welt sind. Ich möchte Lösungswege aufzeigen, aber ihnen auch klarmachen: Es läuft im Leben nicht immer so, wie wir es uns wünschen − aber wir haben immer die Wahl, wie wir damit umgehen. Und manchmal eröffnen sich dadurch auch ungeahnte Chancen.

Sie haben nach dem Abitur im Zirkus Belly seilgetanzt. Profitieren Sie beim Schreiben auch von Ihren Erfahrungen beim Zirkus?

Nina Weger: Ich bin im Pfarrhaus aufgewachsen, als Kind eines Pastors und einer Lehrerin. Auch meine Freunde stammten alle aus sehr bürgerlichen Elternhäusern. Da war das Leben im Zirkus ein kleiner Kulturschock. Plötzlich gehörte man zum „Fahrenden Volk“ und wurde auch so behandelt. Das war eine sehr wertvolle Erfahrung und hat mich sensibilisiert. Es ist nämlich etwas ganz anderes, wenn man sich um Menschen am Rand kümmert und einsetzt – oder dazu gehört.
Heute hat sich das“ „Zirkusleben“ etwas geändert, aber damals stammten alle Artisten aus Artistenfamilien, Quereinsteiger gab es kaum. Die Zirkusleute waren eine eingeschworene, auch abgeschottete Gesellschaft – ich war fremd. Auch das war eine neue Erfahrung.

Liebe Frau Weger, liebe Frau Kronberg, vielen Dank für das Gespräch. Wir freuen uns darauf, wenn es Mitte Mai endlich losgeht!

Die Fragen stellte Sabine Hürthe.
Bilder: Salto Wortale

 

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