Im Gespräch mit Prof. Dr. Karin Vach

Karin Vach studierte für das Lehramt an Grundschulen an der Justus-Liebig-Universität Gießen; nach dem zweiten Staatsexamen war sie als Grundschullehrerin sowie zeitweise als Konrektorin tätig. Neben dem Beruf absolvierte Vach ein Promotionsstudium an der Universität zu Köln, das sie 2005 erfolgreich abschloss. 2011 erfolgte die Ernennung zur Professorin an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg, wo sie unter anderem das Zentrum für Kinder- und Jugendliteratur leitet. Seit 2016 ist Vach zudem als Gleichstellungsbeauftragte der Hochschule tätig.

Das Angebot an Kinder- und Jugendliteratur, das die Themen kulturelle Heterogenität und Sprachenvielfalt aufgreift, wächst. Welche Möglichkeiten der kulturellen Verständigung ergeben sich durch den Einsatz dieser Literatur?

Zunächst ist festzuhalten, dass Literatur per se das Angebot eröffnet, andere Welten, andere Auffassungen, Empfindungen und Handlungsweisen kennenzulernen. Die Literatur bietet die Möglichkeit, das eigene Selbst- und Fremdverstehen zu reflektieren, anzureichern und zu verändern. Mehr als Sach- und Informationstexte regen literarische Texte dazu an, die eigenen Erfahrungen und das Erleben mit dem anderer in Beziehung zu setzen und verschiedene Perspektiven einzunehmen. Aufgrund des Bewusstseins für die Fiktionalität der Geschichten können die Lesenden zugleich in Distanz zu dem Dargestellten treten, sich auf das Als-ob-Angebot einlassen und verschiedene Entwürfe von Welt und Selbst imaginativ durchspielen und alternative Auffassungen konstruieren. Dass literarische Texte tendenziell eine höhere innere Beteiligung bei den Leserinnen und Lesern hervorrufen als Sach- und Informationstexte hat mit ihrer Struktur und dem damit verknüpften Rezeptionsprozess zu tun. Die sprachliche Gestaltung, die Mehrdeutigkeit, die impliziten Verweise und Unbestimmtheiten literarischer Texte führen zu einem größeren Involviertsein der Leserinnen und Leser und auch zu einer höheren emotionalen Beteiligung. So zeigt die empirische Rezeptionsforschung, dass Literatur zum Eintauchen in andere Welten führen kann, dass Leserinnen und Leser nahe an die Figuren rücken, ihr Ergehen empathisch miterleben und ihr Verhalten als sympathisch oder unsympathisch beurteilen oder die dargestellte Situation mit eigenen vergangenen oder gegenwärtigen Situationen anreichern. Für das interkulturelle Lernen eröffnet Literatur besondere Chancen, denn sie regt zu Multiperspektivität und Differenziertheit an. Besonders aufgrund der hohen inneren, emotionalen Beteiligung vermögen literarische Texte, die kulturelle Heterogenität und Sprachen zum Thema haben, zur Wissensvermittlung beizutragen, zur Perspektivenübernahme und Empathie anzuregen sowie quasi modellhaft zu zeigen, wie gesellschaftliches Miteinander gelingen kann.

In welchen Kontexten ist der Einsatz solcher Literatur Ihrer Meinung nach sinnvoll?

Interkulturelle Kinder- und Jugendliteratur braucht keine besonderen Kontexte. Immer da, wo allein oder in Gruppen Bücher gelesen werden, sollten auch mehrsprachige und mehrkulturelle Angebote zur Lektüre herangezogen werden. Dabei müssen die Lesenden in den Bibliotheken, Ganztagseinrichtungen oder Schulen nicht unbedingt selbst die Sprachen und Kulturen kennen, von denen in der Literatur die Rede ist. Meine Erfahrungen insbesondere aus dem unterrichtlichen Kontext zeigen, dass die Heranwachsenden sich mit großem Interesse auf andere Sprachen und Kulturen einlassen. Dabei geht es ihnen meist weniger darum, über Exotisches zu lesen, sondern eher in dem Fremden auch das Ähnliche und Eigene wiederzuerkennen. Die Kinder und Jugendlichen stellen fest, dass die so genannten Fremden gar nicht so anders sind, dass sie Wünsche und Hoffnungen für ein gutes Leben haben, die sich mit den eigenen Vorstellungen decken. Bei alledem ist es trotzdem von Interesse, auch Neues und Anderes kennenzulernen. Sehr beliebt sind bei den Heranwachsenden vor allem andere Sprachen und Schriftsysteme. Wenn die Literaturvermittlerinnen und Literaturvermittler auch nicht selbst die Sprachen und Schriften kennen, so lassen sich meist Lösungen finden, wie diese die Sprachen und Schriften vermitteln können. Hier braucht es etwas Kreativität und Kontakte, um Eltern, Bekannte oder Freunde zur Unterstützung einzubeziehen. Wenn sie nicht selbst an der Lesung beteiligt werden können, so kann man auch gut mit Tonaufnahmen arbeiten, die vorab als Audio-Dateien vorbereitet werden.

Welche Kriterien sollte die ausgewählte Literatur erfüllen, um einen Rezeptionsprozess bei den Schülerinnen und Schülern zu aktivieren und somit ein tieferes Verstehen auszulösen?

Kinderliteratur, die den interkulturellen Austausch befördern möchte, sollte von vielgestaltigen Welten und Kulturen erzählen, unterschiedliche literar-ästhetische Traditionen in den Texten spiegeln, vielfältige Sprache und Themen zulassen, kulturell geprägte Symbole, Motive und Bilder präsentieren und kulturelle Verflechtungen und Überschneidungen sichtbar machen. Wichtig ist, dass in den Texten von der Vielheit der Kulturen auf Augenhöhe die Rede ist. So stellt sich die Frage, wie die verschiedenen Kulturen inszeniert werden. Wenn die andere Kultur etwa exotisch und folkloristisch überhöht wird, ist es ebenso wenig weiterführend wie eine einseitige Ausrichtung hin zur sogenannten Zielkultur bzw. eine Bewegung der Kulturen in Richtung Anpassung und Eingliederung. Fragwürdig ist auch, wenn die Protagonistinnen und Protagonisten ausschließlich zur Dominanzkultur gehören und Minderheiten als Objekte der kulturellen Prozesse beschrieben werden. Wünschenswert ist die Umsetzung einer Mehrsperspektivität, durch welche die Lesenden zum Austausch angeregt werden, ihre Auffassungen hinterfragen, sich überraschen lassen und sich weiter entwickeln. Überdies ist wie bei jedem Lektüreangebot zu überprüfen, ob das Thema und die Gestaltung des Erzähltextes auf das Interesse der Leserinnen und Leser trifft und ob auch ihre Lebensfragen damit angesprochen werde

Können Sie gute Beispiele aus Ihrer eigenen Praxis nennen, bei denen sich der Einsatz dieser Literatur bewährt hat?

Hierzu habe ich viele gute Erfahrungen gemacht mit ganz unterschiedlichen Texten. Ich habe mit zwei- und mehrsprachigen Bilderbüchern in verschiedenen Klassen von 1 bis 6 gearbeitet, auch mit zweisprachiger Kinderliteratur und einsprachiger Kinderliteratur, die von Migration und Flucht erzählt. Wichtig ist, dass in der Praxis Zeit und Gelegenheit besteht, sich in Ruhe über die Texte auszutauschen, Bilder genau zu betrachten, sich auch an die mitunter fremden Darstellungsweisen langsam heranzutasten und Fragen und Unverständnis zuzulassen. Es haben sich neben dem gesprächsförmigen Zugang auch produktive Arbeitsformen bewährt, die eine spielerische Auseinandersetzung und eine kreative Vertiefung ermöglichen. Meinen Beobachtungen zufolge haben die Schülerinnen und Schüler sehr unterschiedliche Eindrücke gewonnen. Sie waren bewegt von den Themen, wenn es etwa um Freiheit und Gerechtigkeit ging, waren emotional involviert, wenn von Menschen erzählt wurde, die auf der Flucht waren und sich in einem neuen Land zurechtfinden mussten, sie hatten viel Spaß an der Wahrnehmung der Schriftzeichen und Deutung von Symbole und haben insgesamt den Austausch über die Literatur genossen. So konnten sie nicht nur eine Vorstellung von einem guten, gelingenden Miteinander gewinnen, sondern auch Freude an der Literatur haben und das literarische Angebot genießen.

Liebe Frau Prof. Dr. Vach, vielen Dank für das Gespräch!

Prof. Dr. Karin Vach hält am 7. November 2018 im Rahmen unserer Herbstakademie einen Impulsvortrag zu dem Thema "Potenziale aktueller Kinder- und Jugendliteratur in einer kulturell heterogenen Gesellschaft".

Die Fragen stellte Anne Minnerup.

Fotos: Pädagogische Hochschule Heidelberg, Prof. Dr. Karin Vach

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