Im Gespräch mit Tanja Arp, Gütesiegel Buchkindergarten

Der St. Severi-Kindergarten in Otterndorf wurde im vergangenen Jahr mit dem Gütesiegel Buchkindergarten durch den Börsenverein des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Erzieherin Tanja Arp berichtet in unserem Interview über die Sprach- und Leseförderungsmaßnahmen in ihrer Kita.

Herzlichen Glückwunsch zu Ihrer Auszeichnung! Wie genau sieht die frühkindliche Sprach- und Leseförderung in Ihrer Kita aus? Gibt es zum Beispiel feste Vorleserituale?

In unserer Kindertagesstätte werden Bücher in allen Räumen vorgelesen, da sich überall Leseecken und Bücher befinden. Das Kamishibai, Bilderbuchkino oder andere Arten der Vermittlung von Büchern und Geschichten finden ihren Einsatz in der täglichen Arbeit, den Andachten oder anderen Festen. Gerne werden darüber hinaus kleine Aufführungen oder Bewegungslandschaften durch Bücher angeregt.

Einmal wöchentlich kommen drei Lesepaten zu uns in die Einrichtung und lesen sowohl in den Krippen als auch in der Kita vor. Im Herzen unserer Kita befindet sich eine spezielle Leseecke mit einem großen Bücherschiff, Schaukelstuhl, Sofas und allem, was eine gemütliche Atmosphäre schafft. Hier können Erwachsenen vorlesen, ziehen sich aber auch Kinder gerne einfach zum „Schmökern“ zurück.

Was sind Ihrer Meinung nach die heutigen Herausforderungen bei der frühkindlichen Sprach- und Leseförderung?

Die meisten Kinder wachsen mit einem für ihr Alter zu großem Medienkonsum auf. Häufig fehlt demnach die Geduld für das nötige Zuhören und die Konzentration für den gewünschten Zeitraum. Durch lange Betreuungszeiten in Einrichtungen kommt es im familiären Umfeld häufig zu weniger Sprachbegleitung und Gespräch zwischen den Erziehungsberechtigten und den Kindern, da oft dafür die Zeit knapp ist. In den Einrichtungen sind daher Sprachvorbilder und Sprachanlässe gefragt. Zunehmend wird in den Elternhäusern nicht mehr so viel gelesen und vorgelesen. Diese Leseförderung muss in den Kitas aufgefangen werden. Dazu spielt eine gute Beziehung zu den Kindern, aber auch zu dem Medium Buch eine wichtige Rolle. Die Kinder müssen mit vielfältiger Literatur und anderen Zugängen zur Sprachkultur in Berührung gebracht werden, um ihre Lese- und Schreibkompetenzen zu fördern.

Wenn man es schafft, die Kinder auf die Geschichte neugierig zu machen und ihr Interesse zu wecken, stehen einem allerdings alle Türen offen.

Haben Sie gut funktionierende Ideen, Kinder, deren Herkunftssprache nicht Deutsch ist, für Bücher zu begeistern?

Es eignen sich meiner Meinung nach am besten Bücher ohne Text, Such- bzw. Wimmelbücher und freie Bilderbuchbetrachtungen, die mehr dialogisch stattfinden. Wichtig finde ich zudem die Darstellung der Figuren bzw. Gegenstände aus den Geschichten für die Kinder „begreifbar“ zu machen, indem ich symbolisch mit Gegenständen (z.B. Schleichtiere, Lebensmittel, etc.) arbeite.

Haben Sie eine eigene Kindergartenbücherei und wie gestaltet sich konkret die Zusammenarbeit mit Öffentlichen Bibliotheken?

Wir haben keine eigene Bücherei mehr, da wir uns dafür entschieden haben, dass sich unsere Bücher im ganzen Haus wiederfinden sollen. Wir gehen aber bei passenden Gelegenheiten in die Stadtbibliothek, die bequem zu Fuß erreichbar ist. Zusätzlich bekommen wir automatisch jeden Monat eine neue Bücherkiste aus der Bibliothek geliefert.

Können Sie Tipps geben, wie es gelingt, Eltern in die Sprach- und Leseförderung einzubeziehen?

Wichtig finde ich die Aufmerksamkeit der Eltern immer wieder auf das Thema zu lenken, um sie somit auch selbst wieder für das Thema „Lesen“ zu begeistern. Dies kann durch Informationen, Anregungen, Buchvorstellungen, Büchertische oder Lesungen stattfinden. Es bietet sich weiterhin an, die Eltern in Aktionen wie den Vorlesetag oder Adventslesen etc. einzubinden. Kinder können sich auch mal ein Buch mitnehmen und sich zu Hause vorlesen lassen. Im Eingangsbereich haben wir seit einigen Jahren eine Büchertauschbörse. Hier kann jeder Bücher oder Zeitschriften mitnehmen oder einfach ablegen.

Sie nehmen auch an dem Projekt „Bücher-Kindergärten“ des Friedrich-Bödecker-Kreises im Lande Bremen e.V. teil. In welcher Weise können Sie von den Angeboten dieses Projekts profitieren?

Neben den ausgewählten Bücherpaketen, die wir dreimal im Jahr erhalten, den Theaterbesuchen und den Autorenbegegnungen, habe ich die Möglichkeit mich durch Fortbildungen im Bereich Sprach- und Leseförderung weiterzubilden, auszutauschen und auch neue Literatur jedes Jahr bei der KIBUM in Oldenburg kennenzulernen. Da wir in einer ländlichen Region wohnen, ist die Teilnahme an Kulturprogrammen mit den Kindern sonst eher schwierig. Darüber hinaus hat dieses Projekt zu einer guten Vernetzung mit unserer Stadtbibliothek und unserer ortsansässigen Buchhandlung geführt.

Mich persönlich hat die Zeit , die ich als Verantwortliche in unserer Kita mit dem Thema verbracht habe, dazu angeregt, mich zusätzlich am SPI Berlin zur Facherzieherin für Sprachförderung und Sprachbildung ausbilden zu lassen und mit der Kita am Bundesprogramm „Sprache“ teilzunehmen.

Haben Sie einen aktuellen Tipp für ein Bilderbuch, das sich besonders gut zum Vorlesen eignet?

Ich persönlich bin ein großer Fan von Büchern von Nadia Budde und Axel Scheffler, da sie herrlich mit Versformen spielen. Mein persönlicher Vorlesefavorit ist allerdings derzeit „Zwei für mich, einer für dich“ von Jörg Mühle.

Vielen Dank für das Gespräch!

Hier können auch Sie sich für eine Auszeichnung mit dem Gütsiegel Buchkindergarten bewerben. Die Frist läuft noch bis zum 31.Mai.2020

Die Fragen stellte Carolin Klenke

Tipp: Auch die Rucksackbibliothek ist eine gute Methode, um Bibliotheken und Kitas zu vernetzen.

© Fotos: Tanja Arp, Cover: Moritz Verlag

 

Impressum | Datenschutz | rechtliche Hinweise | Sitemap | Archiv