Mit tierischen Lesepaten die Lesekompetenz verbessern

Ein Hund nicht nur zum Knuddeln, sondern auch zum Vorlesen in der Schule oder Bibliothek? Lesestunden auf der Kuhweide, im Hühnerstall oder im Tierheim? Der in den USA schon altbekannte Trend, Tieren vorzulesen, mag zunächst absurd klingen, hat aber durchaus seine Berechtigung und erfreut sich auch in der Leseförderung in Deutschland immer größerer Beliebtheit. Dahinter steckt die Idee, Kinder mit Leseschwierigkeiten zu ermutigen, laut vorzulesen – und zwar einem geduldigen Publikum, das bei Fehlern weder lacht noch verbessert. Im Tierschutzverein Gifhorn und Umgebung wird seit 2017 eine Vorlesestunde mit Katzen angeboten. Wir haben die tierischen Bücherfreunde besucht.

 

Intensives Vorlesetraining im Katzenhaus
 

Tiere helfen den Kindern sich zu entspannen, steigern die Konzentrationsfähigkeit, das Selbstbewusstsein und die Motivation. All das waren wichtige Faktoren, die Gabriele Asseburg-Schwalki, Vorsitzende des Tierschutzvereins Gifhorn und Umgebung, 2016 dazu veranlassten, das Projekt „Kinder lesen Katzen vor“ ins Leben zu rufen. „Den Kindern die Angst vorm Lesen zu nehmen, das ist es, was uns besonders am Herzen liegt.“ Doch aller Anfang war schwer: Zunächst richtete sich die engagierte Tierschützerin an die Schulen, um Projektpartner zu finden. Das war auf Grund versicherungstechnischer Probleme jedoch nicht realisierbar. Asseburg-Schwalki startete einen Aufruf in der Presse, um Eltern auf das Leseförderprojekt aufmerksam zu machen. „Ich hatte damals gehofft, dass sich wenigstens drei bis vier Kinder anmelden würden“, so Asseburg-Schwalki. Weit gefehlt: Das Projekt lief 2017 mit zwölf Kindern an. Auch heute noch treffen sich drei Gruppen mit je vier Kindern alle zwei Wochen für eine Stunde im Katzenhaus zum Vorlesen. Die Gruppen werden trotz Warteliste klein gehalten, um das Lesen intensiv zu üben und die Katzen nicht zu überfordern.

Vorlesen ohne Druck und Zwang

In Vera Steder hat Asseburg-Schwalki eine der drei engagierten ehrenamtlichen Leselernhelfer gefunden. Die pensionierte Lehrerin weiß: „In einer Klassensituation mit 20 Schülerinnen und Schülern kann das Vorlesen für leseschwache Kinder sehr beängstigend sein. Die Katzen helfen dabei, diese Hemmschwelle abzubauen.“ Dabei verschwinden die Grenzen zwischen Lernen und Spielen: „Es kommt schon mal vor, dass eine Katze sich auf ein Buch setzt und gestreichelt werden will.“ In entspannter Atmosphäre und ohne Zwang und Druck lesen die Kinder der ersten bis vierten Klasse aus ihren selbst mitgebrachten Büchern jeweils für ca. zehn Minuten vor. Schwierige Wörter und inhaltliche Fragen werden im Anschluss geklärt. „Wenn ein Kind nicht lesen möchte, ist das in Ordnung. Aber meistens ändert es seine Meinung, wenn alle anderen lesen“, so Steder.

Mit Hilfe von Katzen die Leseflüssigkeit verbessern
 

Das Angebot richtet sich überwiegend an leseschwache Kinder. „Natürlich ist auch mal ein Kind dabei, das schon super lesen kann, aber trotzdem kommen möchte. Auch für diese Kinder ist Platz. Sie können leseschwächeren Kindern helfen, wenn diese Probleme haben.“ So auch die zehnjährige Malena: Die Schülerin der fünften Klasse nimmt schon seit drei Jahren am Projekt teil. „Ich war früher nicht so gut im Lesen und jetzt lese ich richtig dicke Bücher in zwei Tagen.“ Ihre Nachmittage hält sie sich am Mittwoch frei, damit sie den Katzen vorlesen kann. Inzwischen liest Malena so flüssig und schnell, dass Steder sie manchmal sogar bremsen muss. Jüngeren Leserinnen und Lesern, wie der siebenjährigen Mia, kann Malena beim Lesen schwieriger Wörter helfen.

„Die Kinder werden durch das Vorlesen freier und offener“, findet Asseburg-Schwalki. Aber auch den Umgang mit Tieren erlernen die Kinder in dem Projekt. Die Katzen freuen sich über die Abwechslung und einige der haarigen Zuhörer konnten über die Jahre sogar schon vermittelt werden. Ältere Kinder können anschließend in die Kinder- und Jugendtierschutzgruppe wechseln, in der sie mit dem Tierschutz vertraut gemacht werden. „Kinder lesen Katzen vor“ – ein Gewinn für alle Beteiligte.

© Fotos: Akademie für Leseförderung Niedersachsen

Hier lesen sie mehr zu weiteren Projekten:

Kinder lesen Katzen vor:
 

Projekt vom Tierschutz Berlin

Projekt vom Tierschutzverein München

Projekt vom Tierschutzverein Bremen

Bibliotheks-/Lesehunde:
 

In der Gardelegener Bibliothek

Lesehunde in Finnland

Lesehund Verein München

In der der Offenbacher Kinderbibliothek

In der Stadtbücherei Düsseldorf Bilk

In der Stadtbibliothek Köln-Mülheim

In der Bücherei Hohenlockstedt

In der Stadtbibliothek Mülheim

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