Aus der Art geschlagene Wesen retten die Welt – Stefan Gemmels Kinderbuch „Marvin“

In der populären Vorstellung sind Einhörner weiße Fabelwesen mit einem geraden, langen Horn auf der Stirn und einem Schweif in Regenbogenfarben. Bilder von Einhörnern sind in der Regel geprägt von Rosa, Glitzer und Sternchen. Marvin entspricht in keiner Weise dieser Vorstellung: Sein Fell ist struppig, das Horn auf seiner Stirn krumm und er trägt eine Augenklappe. Statt anderen Wesen zu helfen und Glitzerstaub zu verteilen, will Marvin ein schrecklicher Pirat und Einzelkämpfer sein. Deswegen passt es ihm gar nicht, dass er mit Ella, der Feenprinzessin, plötzlich ein lebenslanges Team bilden muss, nur weil er ihr in die Augen geschaut hat (Feengesetz Nummer drei). Dabei ist auch Ella weit entfernt davon, irgendein Feen-Klischee zu erfüllen. Sie findet Feenstaub und Rosa furchtbar, flucht wie ein Kutscher und will eigentlich eine Ritter-Fee sein. Das darf sie aber nicht, weil sie ein Mädchen ist. Sie wissen schon – Feengesetz! Die beiden Figuren wachsen aber unweigerlich zusammen, als der Herrscher der Grantler, ein gar grummeliges Volk, die Macht über die Welt an sich reißen will. Unverhoffte Hilfe bekommen sie dabei von dem jungen Grantler Fleck und dem Schwirrkopf Mupf, die ebenfalls ganz anders als ihre Artgenossen sind.

Der Plot des Kinderromans „Marvin. Das Buch aus Feuer und Freundschaft“ von Stefan Gemmel ist nicht neu: Ein Bösewicht will sich die Weltherrschaft sichern, was (in diesem Falle) mehrere Helden verhindern wollen. Trotzdem ist die Lektüre sehr unterhaltsam, denn Gemmel bevölkert die in dem Roman entworfene Fantasiewelt mit irrwitzigen Wesen. Da sind Bäume, die ihre Wurzeln nehmen und sich einfach woanders hinstellen, wenn eine Situation ihnen zu viel wird. Auch die Tupfenpilze, die ihre Tupfen verlieren, wenn sie sich erschrecken, tragen zur Situationskomik bei. Viele dieser Fantasiefiguren tragen sprechende Namen. Kleine Sprachforscherinnen und -forscher haben sicherlich Spaß, der Namensgebung auf den Grund zu gehen und sich selber Namen für Fantasiewesen auszudenken. (Raten Sie doch mal, was einen Schwirrkopf ausmacht.)

So ganz nebenbei verhandelt der empfehlenswerte Roman auch ernste Themen. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Identität außerhalb der stereotypen Muster spielt natürlich eine große Rolle, denn an die Helden werden immer wieder Vorstellungen herangetragen, die sie nicht erfüllen wollen und können. Gleichermaßen sind die Manipulation anderer mittels Gerüchten (Stichwort: Fake News) ebenso wie Vorurteilen und die daraus resultierende Diskriminierung einer Gruppe in dem Roman von Belang. Ausgerechnet die Einhörner werden nämlich von einem Volk für alles Elend und jedes Problem verantwortlich gemacht und deswegen gejagt. Damit wird „Marvin“ zu einem sehr aktuellen Kinderbuch, dessen Einsatz im Unterricht sich lohnt. Bedacht werden sollte aber, dass der Umfang des Romans – immerhin 304 Seiten –schwache Leserinnen und Leser abschrecken könnte.

„Marvin. Das Buch aus Feuer und Freundschaft“ ist die Lektüre zu „Deutschlands Kinder lesen ein Buch“ des Bundesverbands Leseförderung. Auf der Internetseite des Projekts werden neben zahlreichen Informationen rund um die Initiative außerdem Materialien für den Unterricht zur Verfügung gestellt.

Ein Interview mit dem Autor finden Sie hier.

Stefan Gemmel: Marvin. Das Buch aus Feuer und Freundschaft. Hamburg: Carlsen, 2019. Ab 9 Jahren.

© Cover: Carlsen

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