Mit „Wind in meinem Kopftuch“ hat die Autorin Roya Soraya einen Teil ihrer Lebensgeschichte aufgeschrieben und illustriert: Als Kind einer Deutschen und eines Iraners wächst sie mit zwei Kulturen auf, von denen sie jedoch nur eine Sprache beherrscht, Farsi ist mehr ein Gefühl. Lange sehnt sie sich danach, mehr über ihre iranische Herkunft zu erfahren und überredet schließlich als junge Erwachsene ihren Vater zu einem gemeinsamen Urlaub. Roya erhofft sich von der Reise, dass sie den „blinden Fleck auf der Landkarte ihrer Identität“ ausfüllen möge. Mit diesem Gefühl können sich viele Jugendliche und junge Erwachsene mit interkulturellem Familienhintergrund identifizieren. Wie Roya machen auch sie sich oft auf die Suche nach dem weniger präsenten Teil ihrer Selbst. Royas Reise in den Iran lässt sie zwiegespalten zurück. Neben den vielen schönen Orten, köstlichen Gerüchen, anderen Geräuschen und beeindruckenden Gebäuden erlebt sie auch, was es heißt, als Frau im öffentlichen Raum ständig unter Beobachtung zu stehen. Als ihr Vater und sie sich ein Eis in der Waffel kaufen, sind sie sich unsicher, ob Roya es in der Öffentlichkeit essen sollte. Im Bus muss sie im Abteil für Frauen bleiben und verliert dadurch fast ihren Vater beim Ausstieg. Da Roya queer ist, hat sie während ihrer Reise Alpträume, dass sie deswegen gefangen genommen werden könnte und sorgt sich um offen queere Personen, denen sie auf der Straße begegnet. Auf dem Rückflug merkt sie, wie nicht nur von ihren Schultern eine Last abfällt, sondern scheinbar im gesamten Flugzeug die Menschen freier atmen. Eine zweite Heimat habe Roya zwar nicht gefunden, aber den inneren Drang, den Iran erleben zu müssen, zufriedengestellt.
Diese kunstvolle und eindrückliche Graphic Novel zeigt die Zerrissenheit, die das Leben mit zwei Kulturen mit sich bringen kann. So kann sie jungen Leser:innen einen Weg aufzeigen, mit dieser Zerrissenheit umzugehen und sich ebenfalls auf die Suche nach einer Vereinbarkeit der beiden Teile in sich selbst zu machen. Besonders aber könnten junge Deutsch-Iraner:innen in „Wind in meinem Kopftuch“ ein Buch finden, das sie auf diesem Weg begleiten kann.
Roya Soraya: Wind in meinem Kopftuch. Hamburg: Carlsen Comics, 2026. Ab 12 Jahren.
