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Ein „komischer Vogel“ und ein „einsamer Astronaut“ im Live-Chat: Comic-Roman für Leser:innen ab 12 Jahren

„Hallo ist da jemand?“, so der Beginn der Sprachnachricht, die die 14-jährige Ava zu Beginn der Geschichte ins „Universum“ schickt. Sie hat Hausarrest, fühlt sich in ihrem Zimmer von der Außenwelt abgeschnitten und langweilt sich zu Tode. „Woher hast du meine Handynummer?“, kommt es nach wenigen Minuten aus dem Dunkel des Universums zurück. „Beim Aufräumen gefunden“, tickert Ava. Nachricht für Nachricht entspinnt sich so die Geschichte. Man erfährt, dass am anderen Ende Juri schreibt (ebenfalls 14, aber etwas jünger als Ava) und dass die beiden sich aus der Grundschule kennen. Erste Erinnerungen, die wie aus dem Nichts hereinflattern, sind die an das Kostümfest in der dritten Klasse: Ava verkleidet als komischer Vogel und Juri als Astronaut. Zahlreiche Illustrationen des komischen Vogels und des einsamen Astronauten begleiten von diesem Punkt an den Chat der beiden und lassen über knapp 150 Doppelseiten eine comicähnliche Dialoggeschichte aus einzelnen Sätzen und kurzen Textabschnitten entstehen. Das Hin und Her der Nachrichten ist geschickt und gut nachvollziehbar eingefangen: Avas Nachrichten sind jeweils auf der linken Buchseite und Juris auf der rechten Buchseite abgedruckt, sodass man auch beim Lesen mit den Augen hin- und herspringen muss.
Nicht nur an Karneval, sondern auch im richtigen Leben ist Ava ein verrückter Vogel. Sie ist Scheidungskind, wohnt zusammen mit ihren Stiefgeschwistern im wöchentlichen Wechsel mal beim Vater, mal bei der Mutter. Ava ist ständig unterwegs, lebt, ohne viel nachzudenken, in den Tag hinein, ist lebenslustig, laut und hat keine Angst, aufzufallen oder sich sich zu blamieren. Juri hingegen ist eher der stille introvertierte Typ und lebt wie ein Astronaut ganz in seiner eigenen Welt. Er liebt es, alleine in seinem Zimmer zu sein und Origami-Tiere zu falten. Dabei grübelt er über die großen Fragen des Lebens und macht sich ständig Gedanken darüber, was andere über ihn denken könnten. Für Ava ist der Chat die einzige Möglichkeit, die Tage des Hausarrests zu überleben, während Juri es genießt, sich mit jemandem unterhalten zu können, ohne dabei sein Zimmer verlassen zu müssen.
Jeden Tag einigen sich Ava und Juri auf ein neues „Thema“. Zunächst tauschen sie sich über Alltägliches wie ihre schlimmsten Geburtstage, ihre Zimmer oder Familien aus. Allmählich werden die Gespräche tiefgründiger und sie sprechen über Wünsche, die Liebe und Situationen, die ihnen peinlich sind oder Angst machen. So erfährt man im Laufe des Chats, dass Juri an einer Angststörung leidet und Ava oft das Gefühl hat, den anderen durch ihre lebendige Art auf den Geist zu gehen. Trotz dieser Ernsthaftigkeit ist der Dialog der beiden durchgängig sehr lebhaft und von einem besonderen Witz. Manchmal liefern sich die zwei einen regelrechten verbalen Schlagabtausch. Da foppt Ava Juri, der ihr oft viel zu zögerlich ist, mit den Worten: „Bei dir ist nie jetzt, bei dir ist immer später.“ Oder Juri lockt Ava aus der Reserve, indem er behauptet „Du erzählst immer viele Sachen und sagst oft nichts.“ Durch ihre Offenheit und Unterschiedlichkeit beginnen die beiden aneinander zu wachsen. Es entwickelt sich eine echte Freundschaft, vielleicht sogar eine gewisse Verliebtheit. Offen bleibt am Ende die Frage, ob diese den Sprung ins richtige Leben schafft.
Ein absolut unterhaltsamer und sehr spannender Chat im Buchformat, der den Titel zu einem absoluten Pageturner macht.


Sarah Jäger: Und die Welt sie fliegt hoch. Hamburg: Rotfuchs, 2024. Ab 12 Jahren.