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Matria - Sitzt der Feind in dir?

© Thienemann

Was, wenn es einen Ort gäbe, an dem Männer keinen Zutritt hätten? Wenn dieser Ort eine ganze Stadt wäre, in der überwiegend Frauen und Mädchen lebten und nur diejenigen Jungen bleiben dürften, die als nicht gewalttätig eingestuft wurden? Die Matria ist eine solche Stadt. Frauen und Kinder, die vor männlicher Gewalt flüchten, dürfen dort leben. Auf die Erziehung der Jungen wird besonders geachtet. Von klein auf wird alles auf drei wichtige Faktoren ausgerichtet: Nähe, Sicherheit und Sprache – denn wenn sie fehlen, entstehen Aggressionen, die in Gewalt enden können. So ist es für Elias und seine Freunde normal, dass sie über ihre Gefühle sprechen, sich häufig umarmen um sich zu trösten und zu unterstützen, dass sie Ballett und Songwriting lernen und von einer Medi-Drone überwacht werden, wenn sie mit Mädchen alleine sind. Eigentlich werden sie durch  ihre Chronos am Handgelenk sogar ständig überwacht, besonders auf den Anstieg von Stresshormonen, Pulsschlag und ihren Testosteronspiegel. Denn es gilt auszuschließen, dass sich die Jungen wie ihre Väter entwickeln. Sie sollen lernen sich zu kontrollieren statt Frustration in Gewalt umzusetzen. Das ist der Preis, den alle Jungen für ein sicheres und sorgenfreies Leben in der Matria zahlen müssen. Für manche ist das leicht, besonders wenn sie „von draußen“ kommen und sich noch an die Gewalt erinnern können. Anderen, wie Elias, fällt das schwerer. Als er in die Pubertät kommt und sein Körper anders auf Mädchen und besonders auf seine Freundin Aleika reagiert, macht er sich Sorgen, sich in das Monster zu verwandeln, als das er sich seinen Vater ausgemalt hat. Seine Mutter hat nie wirklich von seinem Vater erzählt, sodass er sich die schlimmsten Sachen vorstellt. Und so ist Elias‘ Alltag zunehmend von Angst geprägt: Angst vor Kontrollverlust; Angst, in der Matria verbotene Gefühle zu haben; Angst, ausgewiesen zu werden; aber auch Angst, seine Mutter und sich selbst zu enttäuschen. Als er schließlich in das mehrwöchige Camp geschickt wird, das alle Jungen in der Pubertät durchlaufen müssen, wird er dort mit seinen Ängsten konfrontiert – und auch mit Gewalt. 

„Matria“ ist kein leicht zu lesendes Buch. Auf der einen Seite richtet es sich klar gegen jegliche Gewalt gegen Frauen und Kinder. Andererseits zeigt es den Preis für die Jungen auf, die sich aufgrund ihrer Hormone in einer Gesellschaft wiederfinden, die ständig vor ihnen auf der Hut ist. Als Leser:in hat man Verständnis für beide Seiten und weiß trotzdem nicht, wie es besser umzusetzen wäre. Tobias Elsäßer erklärt im Nachwort, dass er selbst Gewalt durch seinen Vater erfahren hat und mit „Matria“ eine „Femtopie“ erschaffen wollte, die einen Lösungsversuch aufzeigt. Dass dieser aber zum Scheitern verurteilt ist, wenn es keine Männer als Vorbild für die Jungen gibt und sie sich ständig als Feind oder Störpunkt der Gesellschaft fühlen, ist von vornherein klar. Der Roman bietet jedoch viele Gesprächsanlässe und Denkanstöße über das Auftreten von Gewalt in Situationen von Angst, Frust und Aggression.

 

Tobias Elsäßer: Matria. Eine Stadt. Eine Prüfung. Ein Schicksal. Stuttgart: Thienemann, 2026. Ab 14 Jahren.