Wenn man hasst, ist man schon „mit einem Fuß in Auschwitz“: der Weg einer Auschwitzüberlebenden als Graphic Novel
Ginette Kolinka, die Anfang Februar 2025 stolze 100 Jahre alt geworden ist, hat 80 Jahre zuvor Inhaftierungen in mehreren Konzentrationslagern der Nationalsozialisten überlebt. In der Graphic Novel „Adieu Birkenau“ erzählt sie davon.
Die Geschichte ist eingebettet in den größeren Rahmen einer Lebensgeschichte, denn weder begann Ginette Kolinkas Leben im KZ, noch endete es dort. Auf den ersten drei Seiten erfahren die Leser:innen durch Kolinkas Sohn Richard, wie ihr Überleben zum Gesprächsthema in der Familie wurde. Als kleiner Junge dachte Richard, jede Mutter hätte eine Nummer auf ihrem Arm tätowiert. Doch diese Häftlingsnummer erhielt Kolinka im KZ Birkenau. Wie wir aus der Geschichte wissen, ist diese Inventarisierung nur ein kleiner Teil der entwürdigenden und dehumanisierenden Methoden, die die Nazis bei der Versklavung und Ermordung der Juden und anderer ethnischer Gruppen anwendeten.
„Adieu Birkenau“ schildert Kolinkas Leben über zwei aufeinander zulaufende zeitliche Erzählstränge. Die Leser:innen begleiten die lebenslustige und rüstige Rentnerin Kolinka, wie sie mit einer Schulklasse nach Auschwitz fährt und sie dort herumführt. Auf einer anderen Ebene sehen sie die Rückblicke in die Zeit des Nationalsozialismus im besetzten Frankreich und wie sich der Lebensbereich für Kolinka und ihre Familie immer weiter einschränkt. Zuerst sind beide Zeitachsen voneinander getrennt, durch visuelle Impulse werden Erinnerungen ausgelöst. Später, als Kolinka mit den Schüler:innen durch Auschwitz geht, vermischen sich beide Zeitebenen: Die Erlebnisse der Vergangenheit spielen sich vor Kolinkas Augen an dem Ort ab, an dem sie steht, und werden so auch für ihre jungen Begleiter:innen spürbar. Die Schatten der Vergangenheit sind dabei eindrucksvoll auch als solche dargestellt, als schemenhafte schwarze Gestalten ohne Individualität. Die Graphic Novel endet mit der Einweihung einer Gedenktafel für Kolinka am Collège Beaumarchais.
Beeindruckend ist außerdem das Vorwort Kolinkas: „Wofür ich kämpfe, wofür ich Zeugnis ablege, ist, ‚Nein‘ zu sagen zum Hass.“ Anstelle eines Nachworts finden sich eine Reihe von Materialien und Sachtexten zu Stationen von Kolinkas Lebensweg. Durch die Einbeziehung der gegenwärtigen Zeitebene bieten sich viele Anknüpfungspunkte für junge Leser:innen. Die Zeichnungen sind berührend und beeindruckend und fügen der Erzählung eine weitere Dimension hinzu. Die Graphic Novel ist hervorragend geeignet, um den Geschichtsunterricht erlebbarer zu machen.
Ginette Kolinka, Victor Matet: Adieu Birkenau. Bielefeld: Splitter, 2024. Ab 15 Jahren.
