Die verborgenen Bilder: Zeitreise im Kinderzimmer ins Jahr 1928
Friekes Sommerferien sind nicht so, wie sie sich das gewünscht hat. Ihre Eltern trennen sich, sodass sie und ihre Schwester mit ihrer Mutter in eine neue Wohnung ziehen. Der Vater hat nach vielen Jahren Ehe erkannt, dass er schwul ist, und lebt jetzt mit seinem Partner zusammen. Außer Frieke scheint es niemanden zu stören, dass sich alles ändert: Ihre große Schwester Henri, ebenfalls homosexuell, freut sich über das Outing des Vaters und die Mutter hat Verständnis für ihren Ex-Ehemann. Nur Frieke kann sich damit nicht anfreunden. Sie ist wütend auf den Vater, der ihre Familie zerstört hat, wütend auf die Schwester, die das nicht schlimm findet, und wütend auf die Mutter, die einfach aufgibt. Sie schämt sich für ihren Vater und erzählt deshalb ihrer besten Freundin nichts davon. Als dann auch noch der Freund des Vaters beim Umzug hilft, ist für Frieke alles vorbei und sie zieht sich ganz in sich selbst zurück.
In der neuen Wohnung gibt es in ihrem Zimmer Zeichnungen an der Wand, die sehr alt aussehen. Frieke untersucht sie genauer.Bei einer dieser Untersuchungen wird sie plötzlich weggerissen. Nach einem kurzen Schwindelgefühl findet sie sich in dem gleichen Zimmer wieder, jedoch sieht es anders aus. Die Wand hat keine Tapete mehr und die Möbel sind altmodisch. Dort im Zimmer sieht sie ein Mädchen in ihrem Alter mit zwei geflochtenen Zöpfen, einem schlichten Kleid und Kniestrümpfen. Sie ist so ganz anders gekleidet, dass Frieke denkt, dass sie einen Zeitreisetraum haben muss.
Es stellt sich heraus, dass dies kein Traum war. Immer wenn Frieke die Bilder an der Wand berührt, reist sie in der Zeit zurück und landet in diesem Zimmer - aber im Jahr 1928. Das Mädchen, das in ihrem Zimmer lebt, heißt Ilsabeth. Schließlich kann Frieke mit ihr in Kontakt treten und sie freunden sich an. Frieke verbringt viele Tage mit Ilsabeth in ihrem Zimmer, während bei ihr zu Hause in der Gegenwart keine Sekunde vergeht. Schließlich verbringt Frieke ihre Zeit nur noch in der Vergangenheit mit Ilsabeth, nicht mehr mit ihrer Familie oder ihren Freundinnen. Doch als Ilsabeth und ihre Familie zunehmend begeistert von einem Mann namens Adolf Hitler sprechen, kommen Frieke Zweifel, ob die Freundschaft gut für sie ist. Sie weiß nicht, wie viel sie von der Zukunft erzählen kann, und das wenige, was sie versucht zu sagen, dringt nicht zu Ilsabeth durch. Als jedoch ihr Vater und sein Lebenspartner von Neonazis angegriffen und verprügelt werden, ändert sich Friekes Einstellung drastisch.
Maja Ilisch greift ein schwieriges Thema auf: Was ist, wenn meine Freund:innen einer Ideologie folgen, die menschenverachtend ist? Wie kann man es schaffen, dass die Freundschaft nicht über die Ansichten hinwegtäuscht? Denn auch Frieke muss erkennen, dass „Ilsabeths Nazisprüche nicht an ihr abgeperlt waren, wie Frieke das immer geglaubt hatte, sie waren in sie hineingesickert wie ein Tropfstein, der langsam wuchs und wuchs, bis Frieke selbst angefangen hatte, so zu denken wie Ilsabeth.“ Die Autorin zeigt auf, wie es gelingen kann, innerhalb einer solchen Freundschaft seinen eigenen Weg wiederzufinden. 1933 lässt sich nicht mehr verhindern, aber eine Wiederholung schon. Und Frieke erkennt, „dass ihre Familie nicht zerbrochen, sondern einfach ein bisschen größer geworden war.“
Maja Ilisch: Die verborgenen Bilder. Hamburg: Oetinger, 2025. Ab 10 Jahren.
