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Ingrid und Paul

© Jacoby & Stuart

Wenn mein Bruder ein Nazi ist: Ingrid und Paul

Ingrid und Paul leben in einer Kleinstadt in der Nähe von Köln, als der Nationalsozialismus in ihr Leben kriecht. Zuerst mit Gesten wie dem Hitlergruß, dann mit der Entführung des Nachbarn, der in der Gewerkschaft ist. Ungleichbehandlung, Bevormundung und Androhung von Gewalt nehmen zu. Als die Mutter bei einem Unfall stirbt und die neue Frau des Vaters die führerzentrierte Ideologie unterstützt, geht der junge Paul seinen Weg in die Hitlerjugend, während seine ältere Schwester Ingrid sich innerlich und im Kleinen auch äußerlich gegen die Indoktrinierung wehrt. Die Geschwister entzweien sich, Vertrauen gibt es nicht mehr. Schließlich ist es Paul, der seine Schwester zu einem Rendezvous mit ihrer Freundin Lilli verfolgt und festnehmen lässt. Ingrid hat „Unzucht“ begangen und wird als „Asoziale“ zuerst in ein Erziehungsheim gesteckt, später ins KZ Ravensbrück. Währenddessen ist Paul ein Vorzeige-Hitlerjunge, jedoch macht er sich einige Jahre später unter einem Vorwand auf ins KZ um seine Schwester zu sehen. Die Erlebnisse dort verändern ihn und lassen ihn erkennen, dass die Ideologie der Nationalsozialisten unmenschlich ist. Er tritt der Edelweiß-Gruppe bei. Ingrid gelingt die Flucht und die Geschwister, inzwischen durch den Tod des Vaters an der Front verwaist, treffen sich wieder. 

Erzählungen und auch Graphic Novels über die Zeit des Nationalsozialismus gibt es viele. Was an dieser Graphic Novel besonders ist, sind die 13 Episoden, eine für jedes Jahr des Nationalsozialismus von 1933 bis 1945. Jede Episode nimmt die Leser:innen mit in das Leben von Ingrid und Paul. Dabei sind einige länger und andere schildern lediglich eine Schlüsselszene. Im Anhang zu jedem dieser Kapitel gibt es eine Auflistung der in diesem Jahr von den Nationalsozialisten eingeführten Veränderungen in Gesetzgebung und Gesellschaft, die das Gelesene ergänzen. 

Die Zeichnungen kommen ganz ohne Farbe aus. Es sind sehr detailreiche und klar ausgearbeitete Darstellungen der Lebenswirklichkeit der Geschwister. Lediglich der Farbton ändert sich: Die ersten Episoden sind sepiafarben und lassen so den Eindruck von alten Fotos entstehen. Dieser Braunton scheint jedoch erst zu einem Lila zu verblassen um schließlich in einem bedrohlichen, emotionslosen Grau-Schwarz zu enden.

„Ingrid und Paul“ gibt einen nachwirkenden Einblick in das Alltagsleben einer deutschen Familie im Nationalsozialismus: in die Zerrissenheit innerhalb einer Familie, in die unterschiedlichen Wege und Schicksale. Dabei versuchen die Autor:innen nicht, das ganze Spektrum der Gräueltaten abzubilden, sondern konzentrieren sich auf die beiden Protagonist:innen, wodurch ihre Tragödien besonders eindrücklich erlebbar werden.

Ingo Haeb, Luise Mirdita: Ingrid und Paul. Berlin: Jacoby & Stuart, 2025. Ab 14 Jahren.